Into the Wild – Auf Safari in der Serengeti

Serengeti, der Name ist längst zum Inbegriff unberührter Wildnis geworden. Die „endlose Ebene“, wie die Massai die 30.000 Quadratkilometer große Savanne nennen, zieht jährlich 90.000 Besucher in ihren Bann.

Wir erreichen den Serengeti-Nationalpark, einen der berühmtesten Wildschutzgebiete der Erde, am Ndabaka Tor und fahren auf brettebener Piste durch den sogenannten „Korridor“.

Unsere Hände fühlen sich ganz glatt an. Der Staub der Savanne legt sich wie feiner Puder auf unsere Haut. Am Morgen sind wir vom Speke-Gulf, einer weit ausladenden Bucht des südöstlichen Victoriasees, zu unserem heutigen Etappenziel, einer Lodge im Nationalpark, aufgebrochen.

Wir durchqueren weite Grasebenen, auf denen es überraschenderweise überall grünt. Vor kurzem muss es hier geregnet haben ‑ ungewöhnlich für September, in dem sich die Trockenzeit dem Ende zuneigt. Die Steppe wimmelt regelrecht vor Antilopen, Zebras, Giraffen, Straußen, Kaffernbüffeln und Pavianen.

Nach einem kurzen Abstecher zum Grumeti River, an dessen Ufern wir Krokodile, verschiedene Eisvogelarten, Schreiseeadler und drei im Schatten vor sich hin dösende Löwen beobachten, erreichen wir nach vierstündiger Fahrt eine Palmenoase mitten im Grasland. Unter den Palmen hält sich eine Elefantenherde von 25 Tieren auf, im Wasserloch etwa 50 Flusspferde, die Grunzlaute von sich geben. Gerade zieht eine große Herde Kaffernbüffel weiter.

Die Szenerie des in das weiche Abendlicht getauchten Palmenhains inmitten der Weite der Savanne, die Gerüche, die große Zahl der Tiere, die Stille der Natur – die afrikanische Wildnis umfängt uns ganz. Gut geschützt im Safari-Cruiser erleben wir eine Natur, die wir Mitteleuropäer seit Jahrhunderten nicht mehr kennen. Ungeschützt  und zu Fuß hier draußen unterwegs wären unsere Überlebenschancen in dieser Nacht womöglich nicht allzu groß.

Spannung liegt in der Luft! Irgendetwas dort drüben beunruhigt eine kleinere Gruppe von Kaffernbüffeln. Sie haben es plötzlich ganz eilig, den Ort zu verlassen. Ich suche das Buschland, das sich an die Oase anschließt, mit dem Fernglas ab. Zunächst mache ich nur zwei sich bewegende schwarze Flecke im Gras aus, bis ich die dazugehörigen Ohren einer Löwin erkenne, die sich tief geduckt an die Büffel heranpirscht. Nur kurz sehe ich sie im hohen Gras. Dann ist sie verschwunden. Inzwischen haben sich die Büffel formiert: Sie bilden eine Verteidigungslinie und sichern nach allen Seiten.

Nach einiger Zeit taucht die Löwin wieder auf, nähert sich ganz unbefangen unserem Wagen, der am Rand des Fahrwegs geparkt ist, steigt auf einen Erdhügel und blickt aus bernsteingelben Augen konzentriert den abziehenden Büffeln nach.

Wir rätseln, was sie wohl im Schild führen mag. Ist sie die „Späherin“ ihres Rudels und prägt sich jetzt die Richtung ein, in der die Büffel abziehen? Oder kann sie sich noch nicht so ganz mit der eben verpassten Jagdchance abfinden? Aber welcher eigentlich? Es gibt unter den Büffeln keine Jungtiere und der Angriff einer einzelnen Löwin auf einen Büffel, den noch dazu seine Herde schützt, scheint mehr als verwegen. Vielleicht aber ist sie gar nicht allein, und ihr Rudel liegt für uns unsichtbar ganz in der Nähe auf der Lauer? Während wir noch darüber nachdenken, steigt sie von ihrem Beobachtungs-
hügel herab und überquert, ohne uns auch nur eines Blickes zu würdigen, den Fahrweg ‑ genau in die Richtung, in die die Büffelherde abgezogen ist.

Wir müssen weiter, um die Lodge noch vor Einbruch der Nacht zu erreichen. Die Dämmerung hier ist kurz. Im tropisch-äquatorialen Afrika wird es zwischen 18:30 Uhr und 19:00 Uhr dunkel. Wir fahren ein paar Kilometer weiter, als wir auf einige geparkte Safaribusse stoßen. Ein sicheres Zeichen dafür, dass es hier etwas Besonderes zu sehen gibt. Im verblassenden Licht des Tages nähern wir uns einem 17-köpfigen Löwenrudel, das mit den Überresten eines vermutlich in der vergangenen Nacht gerissenen Büffels beschäftigt ist. Uns fällt es schwer die einzelnen Tiere zu zählen, so dicht gedrängt umlagern sie den Kadaver. Es sind wohl sieben Jungtiere dabei, mehrere halbwüchsige und weibliche Tiere und ein braunmähniger Löwenmann.

Es ist still um uns herum. Nur das zufriedene Grollen der Löwen und vereinzelt das Knacken von Knochen am Riss ist zu hören. Auch diese Tiere lassen sich nicht im Geringsten von der Anwesenheit so vieler Menschen in ihren Blechkisten stören. Einige der Tiere dösen vor sich hin, ein Weibchen liegt auf dem Rücken, ihr Bauch aufgebläht wie ein Ballon. Löwen können bis zu 30 kg Fleisch auf einmal fressen. Eine andere Löwin trägt ein Lederhalsband. Manche Tiere werden hier mit GPS-Sendern versehen, um mehr über ihr Territorialverhalten zu erfahren. Nicht weit von hier betreibt die Zoologische Gesellschaft Frankfurt eine Naturschutzstation.

Mit dem letzten Tageslicht erreichen wir unsere Lodge. Beim Einchecken unterschreiben wir eine Erklärung, nach der wir uns der Gefahren der Wildnis wohl bewusst sind und auf sämtliche Schadensersatzforderungen verzichten, die infolge von Angriffen wilder Tieren geltend gemacht werden könnten. Im besten Juristenenglisch abgefasst, lautet sie übersetzt:

Hiermit bestätige ich, dass ich die realen Gefahren und Risiken kenne, die mit Wildschutzgebieten und/ oder den Unterkünften dort verbunden sind, mir dieser voll bewusst bin und sie richtig einschätze. Diese Gefahren und Risiken resultieren aus der Präsenz wilder und gefährlicher Tiere, Reptilien, Vögel und Insekten und aus dem realen Risiko möglicherweise körperliches Leid, Schaden, Verletzungen, Tod und/ oder den Verlust von Eigentum aufgrund einer Begegnung mit und/oder der Präsenz von wilden Tieren und/ oder Vögeln während des Aufenthalts auf dem Grundstück des Schutzgebietes oder der Lodge zu erfahren …“